Der Libanon

DER LIBANON

DER LIBANON: Spiegel der Geschichte der region

Der Libanon zählt zu den vielschichtigsten Gesellschaften des Nahen Ostens: ein kleines Land mit langer Geschichte und tief verwurzelter konfessioneller Vielfalt. Über Jahrzehnte hinweg wurde der Staat immer wieder durch Identitätspolitik, den Nahostkonflikt und regionale Machtverschiebungen auf die Probe gestellt. Trotz wiederkehrender Krisen – vom Bürgerkrieg über die syrische und israelische Besatzung bis hin zum ökonomischen Zerfall – zeigt die libanesische Gesellschaft eine bemerkenswerte Resilienz und Überlebenskunst.

Libanon Gebirge

Zehn Fakten über den Libanon

Ein historischer Überblick hilft zu verstehen, wie Kolonialismus, konfessionelle Ordnungssysteme und geopolitische Machtspiele den Libanon zu einem Brennpunkt globaler Dynamiken gemacht haben. Dennoch lassen sich aus dieser Geschichte wichtige Lehren ziehen.

  • Das Gebiet des heutigen Libanon ist seit über 7.000 Jahren besiedelt.
  • Kernraum der phönizischen Stadtstaaten.
  • „Libanon“ erscheint über 60-mal in der Bibel.
  • Fläche: 10.452 km² – eines der kleineren Länder der Region.
  • 18 staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften.
  • Ursprünglich aramäisch-syrisch, später arabisch beeinflusst.
  • Beirut: antikes Zentrum römischer Rechtswissenschaft.
  • Baalbek: bedeutendes religiöses Zentrum des Römischen Reiches.
  • Eine der ältesten Weinregionen der Welt.
  • Moderner Staat ab 1920 unter französischem Mandat.
  • Konfessionelles System verteilt politische Macht nach Religion.
  • Rückzugsort für Minderheiten wie Armenier, Drusen, Alawiten und Maroniten.
Strand Libanon

Drei Learnings aus dem Libanon

Vielfalt ist bereichernd, die Politisierung von Identitäten jedoch fatal.

Der Libanon zeigt, dass kulturelle und religiöse Vielfalt bereichernd ist und im Alltag funktioniert. Wird sie jedoch durch Machtspiele politisiert, führt sie zu Spaltung und Blockaden. Dauerhafte Stabilität entsteht nicht durch Identitätspolitik, die auf die Ängste einzelner Gruppen setzt, sondern durch soziale Gerechtigkeit für alle.

Ein freier Markt mit kaum wirksamen staatlichen Regulierungen begünstigt Korruption und Armut.

Die libanesische Erfahrung macht deutlich, dass wirtschaftliche Freiheit ohne soziale Absicherung soziale Ungleichheit vertieft, Vertrauen zerstört und Krisen verschärft. Nachhaltige Stabilität erfordert funktionierende Institutionen und soziale Sicherungssysteme.

Geld und Militär ersetzen keine Systemreformen.

Finanzielle Unterstützung aus Europa bleibt wirkungslos, weil sie korrupte Machtstrukturen stabilisiert. Der Libanon zeigt zudem, dass militärische Mittel gegen bewaffnete Gruppen keine nachhaltige Lösung darstellen, solange diese aus Schutzbedürfnis oder Marginalisierung Rückhalt in Teilen der Bevölkerung haben. Ohne faire, völkerrechtsbasierte Lösungen in der Region wird jede Maßnahme letztlich nur den Status quo erhalten.

Willst du mehr über dem Libanon wissen?

Als Politikwissenschaftlerin und Journalistin biete ich in meinen Kursen und Events politische Bildung an und eröffne Räume für eine sachliche Auseinandersetzung mit der Lage im Libanon, die eng mit den zahlreichen Krisen in der Region verknüpft ist.

In einem offenen, dialogorientierten Rahmen vermittle ich historische Hintergründe, politische Zusammenhänge und deren Auswirkungen bis nach Europa. Beim gemeinsamen Kochen verbinde ich Wissen mit Begegnung: Lerne mehr über die Hintergründe und Erben der Geschichte sowie über die Folgen der aktuellen Situation im Nahen Osten innerhalb und außerhalb des Libanon.

Beirut Graffiti

07. Mai 2025- Kontext Wochenzeitung

Überlebenskunst im gescheiterten Staat

Artikel

 

Erstmals seit 20 Jahren hatte die Hisbollah bei einer Regierungsbildung im Libanon nicht das letzte Wort. Zaghaft keimt Hoffnung auf, doch die Probleme bleiben trotz internationaler Unterstützung enorm. 

Krisenchronik Libanon

Unabhängigkeit und Krieg

1943: Unabhängigkeit vom französischen Mandat: souveräner Staat mit konfessioneller Machtverteilung und mehr Macht für die Christen im Land.

1948: Nach Gründung Israels fliehen Zehntausende Palästinenser in den Libanon.

1969 bis 1971: Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) erhält das Recht, von libanesischem Boden gegen Israel zu operieren. Rechts und Linkslagern formen sich.

1975: Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen christlichen Milizen und muslimischen Linken unterstützt von der PLO.

1982: Israelische Invasion und Besetzung des Südlibanons. Die PLO wird vertrieben. Der Bürgerkrieg eskaliert weiter – mit Kämpfen zwischen und innerhalb der konfessionellen Lager. Das syrische Regime von Hafez al-Assad besiegt militärisch.

1989/90: Ende des Bürgerkriegs durch einen Friedensvertrag in Saudi Arabien, der Syrien die Kontrolle über das Land gibt. Die Christen verlieren an politischem Einfluss, und die Wahlen werden von Assad-nahen Kräften manipuliert. Hisbollah stärkt sich im Süden trotz israelische Besetzung. Menschenrechtsverletzungen und politische Einmischungen durch die syrische Armee und den Geheimdienst nehmen zu. Die Kriegsverbrechen und Geschehnisse werden nicht aufarbeitet und nur durch eine Amnestie gelöst. Die Wirtschaft erholt sich langsam durch regionale Investitionen und die Vorteile des „secret bancaire“ als Steuerparadies.

Befreiuung mit einem Preis

2000: Israelischer Rückzug aus dem Südlibanon nach 18 Jahren Besatzung. Der Abzug erfolgt unter dem militärischen Druck der Hisbollah, die vom Iran und Syrien unterstützt wird und in der arabischen Welt als Widerstandsbewegung annerkannt wurde.

2005: Ermordung von Premierminister Rafik Hariri nach seiner politischen Abkehr vom syrischen Regime. Es folgen Massenproteste gegen den syrischen Einfluss und der anschließende Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon. Anschläge gegen Politikern und Journalist:innen. Die Hisbollah beteiligt sich fortan an der Regierung und übernimmt gemeinsam mit einer weiteren Partei die politische Repräsentation der schiitischen Bevölkerung. In der Frage der Unterstützung des Assad-Regimes positioniert sie sich gegen die Mehrheit der politischen Kräfte. Auch im christlichen Lager kommt es zu einer Spaltung der Parteien in pro- und anti-syrische Bündnisse.

2006: 33-tägiger Krieg zwischen der Hisbollah und Israel nach der Entführung israelischer Soldaten an der Grenze. Die Hisbollah besiegt militärisch trotz gezielte massive Zerstörung der Infrastruktur im ganzen Land. Die UN-Friedensmission UNIFIL wird anschließend deutlich verstärkt. Wiederaufbau durch Unterstützung von Qatar. Hisbollah blockiert jede Regierung, wenn das Thema “Hisbollahs Waffen” thematisiert wird.

2011: Beginn des Syrienkriegs und massive Flüchtlingswelle. Über 1,5 Millionen syrische Geflüchtete belasten Libanons fragile Infrastruktur: illegale Beschäftigung, Wohnungsnot und steigende Kriminalität. Die Regierung ist gespalten im Umgang mit der Situation. Die Hisbollah, als Teil des Konflikts in Syrien und Unterstützer Assads, blockiert jegliche Flüchtlingspolitik. Pro-Assad-Lager verbreiten einen Hassdiskurs gegen die syrischen Geflüchteten. Terroanschläge von Islamisten aus Syrien.

Kollaps des Staates und neuer Krieg

2019: Finanzkollaps durch Korruption der Politiker und massive Verschuldung bei den Banken. Massive Proteste folgen. Banken frieren Guthaben ein, die Bevölkerung demonstriert ohne Erfolg. Ein Bündnis der Parteien formiert sich zum Schutz der Banken – gegen die eigene Bevölkerung. Sozialer Zerfall und Hyperinflation auf Weltrekordniveau führen zum Zusammenbruch der Grundversorgung. NGOs übernehmen viele Aufgaben des Staates.

2020: Die massivste nicht-nukleare Explosion der Geschichte im Hafen von Beirut. Über 200 Tote, Tausende Verletzte, massive Verwüstung in der Hauptstadt und ihrer Umgebung, in der die Hälfte der Libanesen lebt. Als ob die Coronakrise und ihre lokalen Auswirkungen auf die Wirtschaft nicht schon genug wären, führt die Explosion zu große Wut auf der Straße. Die Menschen auf den Straßen fordern eine sofortige Lösung für die Waffen der Hisbollah sowie die Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission. Videos und Nachrichten zirkulieren über einen mögliche Bombardierung des Haffens. Die Klärung fehlt bis heute. Frankreich mischte sich ein und beruhigte die Situation mit Versprechen sowie internationalen Fördermitteln zum Wiederaufbau der Hauptstadt. Viele libanesische Menschen und Unternehmen im Ausland organisieren Spenden, um beim Wiederaufbau zu helfen. Keine Verantwortlichen wurden bislang zur Rechenschaft gezogen, der Prozess ist weiterhin durch politische Einflüsse blockiert gewesen und erst in 2025 wiederaufgenommen. Es wird vermutet, dass das gelagerte Ammoniumnitrat für militärische Zwecke und andere Munition der Hisbollah gehörte.

2023–heute: Nach dem Ausbruch des Krieges in Gaza infolge des Hamas-Angriffs am 7. Oktober kommt es zu wiederholten Gefechten im Süden und zu Eskalationen zwischen der Hisbollah und der israelischen Armee. Ab September 2024 weitet sich die Eskalation auf das gesamte Land aus. Israel bombardiert Hisbollah-Ziele in allen Regionen, wodurch die zivile Infrastruktur stark beschädigt wird inklusive Kirchen, Moscheen, Wohnungen von Zivilisten, Schulen und Kindergärten. Die Spitze der Hisbollah wird eliminiert und die Miliz ist militärisch geschwächt.

Trotz eines formellen Waffenstillstands dauern Bombardierungen vor allem im Süden an, während Streit über eine Demilitarisierung der Hisbollah weiter verschärfen. Viele Binnengeflüchtete können nicht in ihre Dörfer und Städte zurückkehren. Der Wiederaufbau ist unklar, und jegliche Versuche werden bombardiert. Die USA planen eine „No-Man’s-Land“-Zone im Süden mit wirtschaftlicher Sonderzone. Nach mehreren Jahren des Machtvakuums wurde schließlich eine neue Präsidentenwahl abgehalten, um die politische Stabilität wiederherzustellen. Die Herausforderungen bleiben enorm.

Market Saida Libanon